Neue Monitoringsysteme können Landwirtinnen und Landwirten helfen, ihr Engagement für mehr Artenvielfalt sichtbar zu machen – auch gegenüber der Politik. Forschende des LIB entwickeln sie in verschiedenen Projekten. Und tragen damit auch dazu bei, die Vergabe von Fördergeldern auf ein neues Fundament zu stellen. Für die Landwirtinnen und Landwirte geht es um viel Geld.
Dr. Ameli Kirse steht auf einem Feld auf dem Forschungscampus Wiesengut in Hennef bei Bonn. Sie nimmt kleine Audiorekorder aus einer Schachtel, die sie an einer bronzefarbenen Stange befestigt. Die Rekorder sollen Vogelstimmen aufnehmen und erfassen, welche Vögel auf dem Feld unterwegs sind: „Im Moment ist Brutzeit“, sagt die Forscherin, die am LIB das Projekt „BioMonitor4CAP“ betreut, „die Bedingungen sind also gut.“
Neben den Audiorekordern zur Erfassung von Vögeln stellt Ameli Kirse an diesem Tag auch kleine Zeitraffer-Kameras auf. Sie sollen dokumentieren, wie viele Bestäuber sich auf dem Feld tummeln, also Bienen, Hummeln oder Schmetterlinge. Die Kamera richtet sie dabei auf die Blüte einer Pflanze. „Wir wollen herausfinden, welche Geräte sich besonders gut für das Monitoring von verschiedenen Tiergruppen eignen“, erzählt Ameli Kirse. Und nennt ein Beispiel: Ein Wintergold-hähnchen lasse sich mit herkömmlichen Verfahren nicht gut erfassen, weil es so hoch singe. Bei Vogelzählungen wird die Art deshalb oft nicht wahrgenommen, vor allem von Menschen mit nachlassendem Hörvermögen. Das könnte so ein Monitoring ändern. „Wir testen Geräte verschiedener Qualität, damit Landwirte niedrigschwellig erkennen können, welche Tiere sich auf ihren Feldern bewegen.“ Klassische Erhebungsmethoden werden dabei mit technologiebasierten Ansätzen verglichen.
„Biomonitor4CAP“ ist ein internationales Forschungsprojekt, das neue Methoden für die Erfassung von Biodiversität entwickelt. Die Datenanalyse erfolgt mithilfe von Künstlicher Intelligenz. 23 Partner aus zehn europäischen Ländern arbeiten mit, dazu zählen Portugal, Österreich und Polen. Beteiligt sind auch Forschende aus Peru. Finanziert wird es aus Mitteln der EU, die aus dem „Horizon Europe Programme“ stammen, das rund 95 Milliarden Euro umfasst und innovative Ideen in der Forschung fördern will. Ziel von „BioMonitor4CAP“ ist dabei, der Agrarwirtschaft und Politik Instrumente zur Verfügung zu stellen, die zeigen, welche Maßnahmen zur Steigerung der Artenvielfalt beitragen. Denn die Biodiversitätsstrategie der EU hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 für mehr Vielfalt in der Tier- und Pflanzenwelt zu sorgen. Die Landwirtschaft spielt dabei eine entscheidende Rolle.
Wie Forschung und Praxis ineinandergreifen
Ein Stichwort, das in diesem Zusammenhang immer wieder fällt, ist die „ergebnisorientierte Förderung“. Gemeint ist damit, dass EU-Agrarsubventionen für die Landwirtinnen und Landwirte an Bedingungen für mehr Artenvielfalt geknüpft werden. Das bedeutet, dass sie zum Beispiel Blühstreifen anlegen und nachweisen können, dass sie so einen Lebensraum für Insekten schaffen. Bei diesem Nachweis könnte sie die Forschung des LIB unterstützen. „Unsere Instrumente sind kostengünstig und einfach in der Handhabung“, erklärt Ameli Kirse. Sie helfen also, bessere Lebensräume für Tiere zu schaffen und das gegenüber der Politik zu belegen.
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Der Zeitpunkt für diese Entwicklung könnte günstig sein. Im Moment werden innerhalb der EU die Ziele der Gemeinsamen Agrarpolitik für die Zeit nach 2027 neu verhandelt. Dabei geht es für die deutsche Landwirtschaft um viel Geld. Sie bekommen aus dem Topf der EU-Kommission aktuell rund sechs Milliarden Euro pro Jahr. Die ergebnisorientierte Vergabe von Fördergeldern steht bei den aktuellen Verhandlungen auf dem Prüfstand. Ob sie gestärkt wird, ist zurzeit noch offen. Trotzdem können Landwirtinnen und Landwirte ihre Höfe so ausrichten, dass sie mit Tier und Natur in Einklang wirtschaften. Monitoringsysteme können sie dabei unterstützen, weil sie direkt vor Augen führen, welche Maßnahmen zu welchem Ergebnis führen.
Dabei greifen am LIB verschiedene Projekte eng ineinander, erklärt Prof. Dr. Christoph Scherber, stellvertretender LIB-Generaldirektor am Standort Bonn. Er verweist auf das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Exzellenzcluster „PhenoRob“, das neue Anbaumethoden für landwirtschaftliche Nutzflächen entwickelt und Monitoringsysteme zur Verfügung stellt. Der Name steht für Robotik und Phänotypisierung für nachhaltige Nutzpflanzenproduktion. Es sollen zum Beispiel Kameras mit Bewegungsmeldern entwickelt werden, die ein Bild erst dann aufnehmen, wenn sich Insekten auf einer Blüte befinden. So könnte die erhobene Datenmenge im Vergleich zu bisherigen Systemen deutlich reduziert werden. Die erste Förderphase von „PhenoRob“ lief von 2019 bis 2025, die zweite geht bis Ende 2032. Christoph Scherber war schon in der ersten Phase am Projekt beteiligt, allerdings noch ohne eigene Mittel. In der zweiten Phase ist er einer der Projektleiter.
Vielversprechend ist für ihn auch ein vom Bundeslandwirtschaftsministerium gefördertes Forschungsprojekt, das von 2020–2025 im Rahmen des Bundesprogramms „Biologische Vielfalt“ umgesetzt worden ist. „FINKA“ steht für Förderung von Insekten im Ackerbau. Landwirtschaftliche Betriebe erarbeiteten in 30 Betriebspaaren gemeinsame Strategien, wie sie weniger Pestizide verwenden können, erklärt Christoph Scherber. „Wir haben das Projekt fünf Jahre lang wissenschaftlich begleitet und konnten positive Effekte nachweisen“, sagt der LIB-Forscher, Es konnten mehr blühende Pflanzen wachsen, so dass Insekten enorm profitieren. Auf die Erträge der Landwirte hätten die Maßnahmen nur geringe Auswirkungen gehabt. Zwar sei der Ertrag leicht zurückgegangen, dafür hätten die Landwirtinnen und Landwirte auch weniger Kosten für chemische Pflanzenschutzmittel, weil Unkräuter auf natürlichem Weg bekämpft werden, zum Beispiel durch Hacken oder Striegeln. Trotzdem müssten der Zeitaufwand und der betriebswirtschaftliche Nutzen in einem guten Verhältnis zueinanderstehen, damit sich Landwirtinnen und Landwirte auf den Weg machen, betont Christoph Scherber: „Politische Weichenstellungen könnten hier wichtige Anreize schaffen.“
Herausforderungen für die Landwirtschaft
Auf dieses Spannungsfeld verweist auch Dr. Martin Berg. Er ist der wissenschaftliche Koordinator am Campus Wiesengut der Universität Bonn – einem Betrieb des ökologischen Landbaus mit 60 Hektar Ackerland und 20 Hektar Grünflächen, an dem Ameli Kirse das Monitoring für das Projekt „BioMonitor4CAP“ durchführen kann. Sie zeigt ihm an diesem Tag, wie Landwirtinnen und Landwirte mit den Monitoringsystemen des LIB arbeiten können und wie flexibel einsetzbar die Geräte sind. Denn spezielle Audiorekorder können nicht nur Vogelstimmen aufnehmen. Einige können sogar den Flügelschlag von Insekten erfassen. Mithilfe von Künstlicher Intelligenz könnten diese Daten ausgewertet werden, um die Vielfalt der Insekten zu analysieren: „Im Moment wird daran aber noch geforscht“, erklärt Ameli Kirse.
Martin Berg hört interessiert zu, als ihm Ameli Kirse auf dem Feld den Stand der Forschung erklärt. Er betreibt auf dem Wiesengut ökologische Landwirtschaft, die ohnehin auf einen ressourcenschonenden Umgang mit der Natur setzt.
Sinnvoll wäre aus seiner Sicht, einen systemischen Gedanken in die Förderung zu bringen. Das könnte Anreize schaffen, um Betriebe als Ganzes nachhaltiger aufzustellen, so wie es die ökologische Landwirtschaft macht. „Dann braucht die Politik nicht die einzelne Maßnahme zu fördern, weil ein Grundprinzip schon umgesetzt wird.“ Heißt konkret: Auf den Feldern müssen zum Beispiel nicht extra Brutstätten für Vögel freigehalten werden, weil sie ohnehin entstehen. Die Einzelmaßnahme bekäme gar nicht mehr so ein großes Gewicht. Dem ökologischen Landbau hilft es also, wenn sich Erfolge dokumentieren lassen und an Subventionen geknüpft werden.
Doch ob es gelingt, mehr Biodiversität zu schaffen und sie dauerhaft zu schützen, liege nicht nur in der Verantwortung eines einzelnen Betriebs, argumentiert Cora Petrick. Sie ist Themenmanagerin für die Gemeinsame Agrarpolitik der EU bei Agora Agrar – einem Think Tank, der sich zwischen Wissenschaft und Politik an-siedelt und wissenschaftliche Erkenntnisse in konkrete Handlungsoptionen übersetzt. „Wenn der Nachbarbetrieb nicht mitzieht, vielleicht sogar gegenläufig agiert, kann der Landwirt von einer ergebnisorientierten Förderung nicht profitieren.“ Cora Petrick spricht sich deshalb für kooperative Ansätze aus, die über den Einzelbetrieb hinausgehen und Maßnahmen auf Landschaftsebene planen und umsetzen.
„Wir sind eines von wenigen Instituten weltweit, die Monitoring-Techniken überprüft und weiterentwickeln.““
Prof. Dr. Christoph Scherber
Forschung spielt wichtige Rolle bei Transformation
Doch die Bereitschaft in der Landwirtschaft, mehr Biodiversität zu schaffen, ist da. Das beobachtet Peter Gräßler, Teamleiter der Diversitätsberatung bei der Landwirtschaftskammer in Nordrhein-Westfalen.
Die Kammer verzeichne viele Anfragen von Landwirtinnen und Landwirten und könne eine intensive Beratung anbieten: „Wir wissen schon sehr viel darüber, was es braucht, um Biodiversität zu stärken.“ Peter Gräßler verweist zum Beispiel auf Uferrandstreifen, die zwischen bewirtschafteten Feldern und Gewässern angelegt werden, um Wanderkorridore für verschiedene Arten zu schaffen. Oder den extensiven Getreideanbau, bei dem mit möglichst wenigen Pflanzenschutzmitteln gearbeitet wird. Das LIB wird diesen Prozess weiter begleiten: „Wir sind eines von wenigen Instituten weltweit, das Biodiversitäts-Monitoring-Techniken überprüft und weiterentwickelt“, sagt Christoph Scherber. Die Forschung am LIB könne einen wichtigen Beitrag für mehr Artenvielfalt in der Landwirtschaft leisten. „Unsere Vision ist aber nicht, dass auf jedem Hof Kameras oder Monitoringsysteme stehen“, sagt Christoph Scherber, „sondern ich wünsche mir blühende Landschaften.“ Wichtige Weichen dafür werden zurzeit gestellt.
Einfach gesprochen:
Monitoringsysteme
Beim Monitoring wird beobachtet, welche Tier- und Pflanzenarten an einem bestimmten Ort leben. Forschende dokumentieren so die biologische Vielfalt und verfolgen, wie sie sich verändert. Dazu entwickeln sie besondere technische Systeme, zum Beispiel mit Kameras und Mikrofonen.