Mit der ersten sozialwissenschaftlichen Professur an einem deutschen Naturkundemuseum erweitert das LIB seinen Blick: Es verbindet Biodiversitätsforschung mit der Analyse gesellschaftlicher Veränderungen. Im Gespräch erläutern LIB-Generaldirektor Prof. Dr. Dr. h.c. Bernhard Misof und Prof. Dr. Simone Rödder, Leiterin Wissenstransfer am LIB, wie sich das LIB neu positioniert – als Forschungsinstitution zur Analyse von Biodiversität in Lebensräumen und zugleich als Ort des gesellschaftlichen Dialogs über unsere Beziehung zur Natur.
LIB: Frau Rödder, Sie bekleiden die neue Professur für Soziologie mit den Schwerpunkten Wissenschaftskommunikation und Museumsentwicklung an der Universität Hamburg. Was verändert sich, wenn soziologische Fragestellungen Relevanz in einem Naturkundemuseum bekommen?
Prof. Dr. Simone Rödder: Die Einrichtung dieser Professur zeigt, dass Naturkundemuseen heute mehr sein wollen als Orte, an denen man Natur und Wissenschaft anschaut. Sie wollen verstehen, wie Menschen über Natur denken, welche gesellschaftlichen Konflikte entstehen, wie Wissen über Natur erstellt und kommuniziert wird. Das verändert das klassische Selbstverständnis grundlegend. Museen verknüpfen Naturwissen und gesellschaftliches Wissen miteinander und richten ihre Angebote und ihr Handeln explizit an Nachhaltigkeitsproblemen aus.
LIB: Herr Misof, welche Erwartungen knüpfen Sie an diese neue Ausrichtung?
Prof. Dr. Dr. h.c. Bernhard Misof: Naturwissenschaftliche Museen der Zukunft – wie unseres – treten mit Menschen in einen Dialog und denken über Zukünfte nach. Wenn wir nicht zuhören, nicht verstehen, gelingt kein echter Diskurs darüber, wie wir leben wollen. Wir können im Naturkundemuseum Wissenschaft zeigen, wir können darüber sprechen, was getan werden sollte. Wenn wir nicht berücksichtigen, welches Vorwissen, welche gesellschaftlichen Bedingungen Menschen mitbringen – bleibt der Dialog unvollständig. Hier wollen wir eine Lücke füllen.
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LIB: Frau Rödder, welche neue Perspektive bringen Sie als Soziologin mit ein?
S. Rödder: Als Soziologin bringe ich den Ansatz ein, dass Nachhaltigkeitsprobleme wie Biodiversitätsverlust und Klimawandel nicht in erster Linie als individuelle Themen verhandelt werden. In Ausstellungen und Vermittlungsangeboten wollen wir deren institutionelle und infrastrukturelle Dimensionen herausarbeiten und sichtbar machen – etwa den Einfluss von Landwirtschaft oder Politik.
LIB: Herr Misof, welchen Perspektivwechsel sehen Sie?
B. Misof: In den Sammlungen gibt es jetzt einen Transformationsprozess: Wir gehen heute über die Sammlung einzelner Individuen hinaus, um den Wandel der Biodiversität zu beschreiben oder Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Die Vielfalt der Lebensräume oder die genetische Vielfalt waren vor 20 Jahren noch kein Thema im Museum. Heute werden nicht mehr nur einzelne Objekte als Repräsentanten einer Art gesammelt, sondern auch genetische Informationen als Sammlungen erfasst. Und wir beginnen, sogenannte Umweltproben zu sammeln: Proben, die den Zustand eines Lebensraums und dessen Zusammensetzung an Arten repräsentieren. Wir sammeln zunehmend, um Prozesse zu verstehen und nicht nur, um Vielfalt zu dokumentieren. Dies ist der entscheidende Unterschied.
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„Ein wesentlicher Aspekt ist, externe Akteure mit ins Boot zu holen und transdisziplinär zu arbeiten.““
Prof. Dr. Dr. h.c. Bernhard Misof
LIB: Welche Rolle spielt dabei die Wechselwirkung zwischen Mensch und Natur?
B. Misof: Im modernen Naturkundemuseum erforschen wir nicht nur evolutive und geologische Wandelprozesse, sondern auch den anthropogen verursachten Wandel. Wir fragen uns: Was passiert in unseren Agrarökosystemen? Wie verändern sich Wiesen und Wälder in Wechselwirkung mit dem Menschen? Wir verbinden das Artenwissen mit sozio-ökologischen und soziologischen Fragestellungen, um nicht nur die Veränderung der Natur, sondern die Wechselwirkung zwischen Mensch und Natur und Veränderungen in Gesellschaften zu verstehen – um schlussendlich Prognosen oder Modelle für die Zukunft entwickeln zu können.
LIB: Welche Rolle spielen hier die Projekte mit Landwirtinnen und Landwirten?
B. Misof: Eine große Rolle. Wir fragen: Wie können wir resiliente Agrarökosysteme angesichts der Zunahme der Extremwetterereignisse verstehen und entwickeln? Welche Rolle spielt die Landwirtin und der Landwirt bei der Veränderung der Anbau- und Bewirtschaftungsmethoden – und in der Entwicklung neuer Expertisen, Biodiversität zu erfassen und zu verstehen? Welchen Einfluss hat Biodiversität auf Produktionsformen? Ein wesentlicher Aspekt ist, externe Akteure mit ins Boot zu holen und transdisziplinär zu arbeiten. Diesen Ansatz transportieren wir auch in unseren Museumshäusern: Hier zeigen wir nicht nur Objekte, sondern sprechen über Lebensräume, Mensch-Umwelt-Interaktionen, Lösungen und gesellschaftliche Herausforderungen.
S. Rödder: Ich ergänze: Dazu gehört, die Besuchenden besser zu verstehen. Unsere Besuchenden-Forschung arbeitet zum Beispiel zu Naturverbundenheit und weiß, dass Besuchende, die in unsere Museen kommen, überdurchschnittlich naturverbunden sind. Wir versuchen, mit qualitativen Methoden besser zu verstehen, was das genau heißt, und wie wir Naturverbundenheit über Angebote im Museum fördern können, aber auch, indem wir in die Öffentlichkeit gehen, zum Beispiel mit unserem Museumsbus.
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„Statt Moralisierung oder Schuldzuweisung sollten wir versuchen, den Raum für vielfältige Stimmen und konstruktive Dialoge zu öffnen.“
Prof. Dr. Simone Rödder
LIB: Mit welcher Haltung soll das Museum seinen Besuchenden begegnen?
S. Rödder: Das ist eine relevante Frage, die aktuell unter dem Stichwort „aktivistisches Museum“ diskutiert wird: Soll das Naturkundemuseum Raum bieten für vielfältige Perspektiven und kontroverse Debatten? Oder soll es sich klar politisch positionieren? Aus der Perspektive der Wissenschaftskommunikation ist ein zentrales Ziel, möglichst viele Öffentlichkeiten zu erreichen, möglichst inklusiv zu sein. Das steht in Spannung zu eindeutigen politischen Positionierungen. Statt Moralisierung oder Schuldzuweisung sollten wir versuchen, den Raum für vielfältige Stimmen und konstruktive Dialoge zu öffnen – und gleichzeitig im Blick behalten, dass wir das Verständnis von Nachhaltigkeitsproblemen vertiefen und handlungsorientierende Impulse geben wollen.
LIB: Müssen Museen heute stärker emotionalisieren, um die Biodiversitätskrise wie die Klimakrise sichtbar zu machen?
S. Rödder: Emotionalisierende Inhalte können einiges erreichen: mobilisieren, sensibilisieren, Vertrauen stärken. Es gilt aber auch: Wissenschaftliche Relevanz und Dringlichkeit ist kein besonders wichtiges Kriterium für mediale und öffentliche Aufmerksamkeit. Hier gelten andere Kriterien: Extremwetterereignisse sind Anlässe für Berichterstattung. Biodiversitätswandel ist ein lokales, stilleres, leiseres Thema und hat daher häufig weniger Nachrichtenwert.
LIB: Was sind die wichtigsten Hebel, um naturwissenschaftliche Erkenntnisse wirksam in Politik und Gesellschaft zu tragen?
B. Misof: Sicherheit, Wohlstand und Produktivität sind die drei Komponenten, die entscheidend dazu beitragen, ins Gespräch mit politischen Entscheidungsträgern zu kommen. Hier müssen wir stärker aufzeigen, welche Konsequenzen uns drohen, was wir tun müssen, um die Situation zu ändern und zu stabilisieren.
S. Rödder: Der Aspekt, dass Museen zu den vertrauenswürdigsten Institutionen der Gesellschaft gehören, ist nicht zu unterschätzen: Gerade in einer Zeit der Polarisierung und Desinformation können wir vor Ort eine große Strahlkraft für Wissenschaft, für Natur und für das Verständnis von Natur entwickeln.
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LIB: Wie kann das Museum als Raum für Dialog zwischen Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft genutzt werden? Wo liegen dabei auch die Grenzen?
S. Rödder: Eine Grenze ist, dass Besuchende mit höherer Bildung über- und Besuchende mit geringerer Bildung unterrepräsentiert sind. Das ist in allen Museen so, auch bei uns – sogar in Hamburg, wo der Eintritt kostenfrei ist. Daraus lässt sich schließen, dass finanzielle Hürden nicht die einzige Barriere sind. Wir müssen intensiv daran arbeiten, diese Zielgruppen stärker anzusprechen und mit Praxispartnern aus Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbildung Strukturen aufzubauen.
LIB: Was sollen Besuchende von einem Museumsbesuch mitnehmen?
B. Misof: Für mich ist das Allerwichtigste, dass Menschen ein Museum lächelnd verlassen. Wir dürfen kein dystopischer Raum sein. Wir müssen erreichen, dass Menschen positive Erfahrungen mitnehmen und daraus etwas für ihr eigenes Handeln ableiten.
S. Rödder: Was mir auffällt, wenn ich mit Menschen über das Museum spreche: Viele berichten von Kindheitserinnerungen im Museum, die lebhaft in Erinnerung geblieben sind. Wir können mit diesen positiv besetzten emotionalen Erinnerungen weiterarbeiten und darauf aufbauen. Mein großer Wunsch ist, dass jedes Kind in Hamburg und jedes Kind in Bonn mindestens einmal die Chance hat, unsere Museen zu besuchen.
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