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Die Sammlung eines Lebens

Fast drei Jahrzehnte sammelte der renommierte Evolutionsbiologe Dr. Christoph Schubart Krebstiere in 85 Ländern. Nach seinem plötzlichen Tod findet seine bedeutende Sammlung im LIB eine neue Heimat: in Hamburg im Crustacea-Archiv und in Bonn in der Biobank. Über den Umzug eines wissenschaftlichen Lebenswerks und über einen Sammler, der in der ganzen Welt zu Hause war.

In der Crustacea-Sammlung des Museums der Natur Hamburg des LIB steht die Kuratorin Dr. Nancy Mercado Salas an einem Laborarbeitstisch und schraubt die gelbe Verschlusskappe eines Plastikröhrchens auf, in dem sich Krebse und ein handgeschriebener Zettel befinden. Als sie ihn mit einer Pinzette entnimmt und ihn für ein Foto auf einer Plastikunterlage ausbreitet, steigt kurz ein scharfer Alkoholgeruch mit fischiger Note auf. „Hier steht: Geograpsus lividus. Mulegé Lighthouse, Baja California. Diese Küstenkrabbenart wurde also an einem Leuchtturm nahe der mexikanischen Kleinstadt Mulegé in Baja California gefunden und ist Teil der Sammlung von Christoph Schubart, einem der weltweit bedeutendsten Krebstierforscher der vergangenen Jahrzehnte. Vielleicht ist das sogar seine Handschrift“, sagt Nancy Mercado Salas, die am LIB auch die Forschungsgruppe für Krebstiere leitet.
Nach Christoph Schubarts Tod 2023 auf einer Studienreise in Jamaika hinterließen seine Familie und die Universität Regensburg dessen wissenschaftliches Erbe dem LIB. In 27 Jahren sammelte er rund 5.000 Proben von Krebstieren sowie 35.000 DNA- und Gewebeproben in 85 Ländern weltweit. Die physischen Exemplare verpackte Mercado Salas zusammen mit der technischen Assistentin Kathrin Philipps-Bussau sowie Schubarts Kolleginnen und Kollegen an der Universität Regensburg, wo er zuletzt lehrte, für den Transport nach Hamburg in Kisten. Dort werden sie nun in die Crustacea-Sammlung integriert.

Dr. Christoph Schubart war auf seinen Sammelreisen in 85 Ländern unterwegs.

Wertvolle Erweiterung

Der ehrenamtliche wissenschaftliche Mitarbeiter Dr. Detlef Thofern füllt aus einem silbernen Ethanol-Tank 70-prozentigen Alkohol in ein kleines Schraubglas und reicht es Mercado Salas. „Die Krebse und das Original-Label lege ich in dieses Glas mit frischem Alkohol, klebe eine Inventarnummer darauf und stelle es in das Regal dort drüben. Damit ist das Rehousing abgeschlossen und Detlef muss nur noch die Metadaten sowie das Foto des Labels in die digitale Datenbank einpflegen“, erklärt Mercado Salas. Zusammen mit Thofern geht sie durch die meterlangen Regalreihen, in denen sich kleine und große Schraubgläser mit Krebstieren in Ethanol befinden. Thofern sagt: „Hier stehen etwa 4.000 Exemplare, die wir seit Mai 2024 mithilfe unserer Kollegin Julia Eisermann in die Sammlung integriert haben. Das Rehousing von etwa 1.000 bis 2.000 Proben liegt noch vor uns.”
Mit etwa 850.000 Exemplaren von rund 7.200 Arten gilt die Crustacea-Sammlung des LIB als größte Krebstiersammlung Deutschlands und als eine der wichtigsten Sammlungen der Welt. „Etwa 1.000 Arten, die neu in unserer Sammlung sind, kommen jetzt hinzu. Das ist die größte Erweiterung der Dekapodensammlung in den vergangenen 100 Jahren und der wissenschaftliche Wert ist enorm“, sagt Mercado Salas. Für sie ist die Sammlung auch ein Raum voller Geschichten. „All diese Tiere öffnen uns ein Fenster, durch das wir an ferne Orte und in vergangene Zeiten blicken können. Und sie erzählen auch etwas über den Menschen, der sie gesammelt hat.“

Die Crustacea-Sammlung des LIB gilt als die größte Krebstiersammlung Deutschlands.

Wissenschaftliche Spurensuche

Nur wenige Schritte von der Sammlung entfernt liegt das Büro von Detlef Thofern, der vor seinem Ruhestand fast 20 Jahre im Statistischen Landesamt Schwerin arbeitete und seit 2017 am Museum tätig ist. Hier verwaltet er das wissenschaftliche Erbe Schubarts und digitalisiert Sammlungsetiketten seiner Funde, um sie für die Online-Veröffentlichung im LIB-Katalog vorzubereiten. An zwei Bildschirmen arbeitet Thofern mit der umfassenden Datenbank, die er für die Integration der Sammlung entwickelt hat.
Im oberen Teil findet sich die Seriennummer CS_ 00502, hinter der sich Schubarts erster Fund verbirgt: Eine große Winkerkrabbe, die er 1994 als Student im Norden Curaçaos fand. Weiter unten ist sein letzter Fund verzeichnet. Thofern deutet auf das Feld mit der Seriennummer CS_01888. „Plagusia depressa. Das ist eine Flachkrabbenart, die Schubart Mitte März 2023 auf Jamaika sammelte“, sagt Thofern. „Wenn ich in zwei bis drei Jahren mit dieser Arbeit fertig bin, könnte ich vermutlich ein Buch mit dem Titel ‚Schubarts Reisen‘ schreiben.“

Zwischen den Zeilen seiner Excel-Liste liegt das Leben des Forschers, auf dessen Spuren er nun schon seit fast zwei Jahren um die Welt reist. „Für die Digitalisierung der Sammlung rekonstruiere ich Christoph Schubarts akademisches Leben. Er fuhr oft nach Jamaika und in sein Geburtsland Spanien, wo er viel an der Mittelmeerküste sammelte. Oft begleiteten ihn Kolleginnen und Kollegen, Studierende, immer wieder auch seine Kinder.“ An manchen Tagen fühlt sich Thofern wie in einem Detektivbüro. „Wir wollen Karten erstellen, auf denen die exakten Fundorte der Präparate verzeichnet sind. Durch Regen oder starke Hitze in tropischen Gebieten sind manche Etiketten teils unleserlich. Dann mache ich mich auf die Suche, um etwa fehlende Koordinaten zu ermitteln.“

Auf Dr. Christoph Schubarts Sammelreisen begleiteten ihn oft Kolleginnen und Kollegen, Studierende, immer wieder auch seine Kinder.

Freunde auf Reisen

Thofern hat nachgezählt. In 85 Ländern war Schubart auf seinen Sammelreisen unterwegs – etwa in Afghanistan, Cabo Verde, Kuba, Syrien oder China. Auf einigen Reisen begleitete ihn sein langjähriger Freund und Kollege Dr. Jose A. Cuesta. Er forscht als Meeresbiologe am Andalusischen Institut für Meereswissenschaften (ICMAN-CSIC). Genau wie Schubart schrieb er Anfang der 90er-Jahre seine Dissertation über Grapsiden, eine Krebsfamilie, die zu den Zehnfußkrebsen zählt.
1996 lud ihn Schubart nach einem E-Mail-Austausch zu einer Reise durch Panama und Costa Rica ein. Zehn Tage lang waren die beiden Forscher schließlich unterwegs, nahmen Proben in Flüssen, an Stränden und in Mangrovenwäldern. „Das war eine intensive Erfahrung, die zum Glück der Anfang unserer 27-jährigen Freundschaft war“, sagt Cuesta. „Christoph arbeitete sehr diszipliniert und verlor sein Ziel nie aus dem Blick.“ An den Abenden verwandelten sie ihr Hotelbadezimmer in ein Labor. „Wir beschrifteten Proben, füllten Eis ins Waschbecken, um die gesammelten DNA-Proben und Exemplare in Ethanol zu kühlen“, erzählt Cuesta.

Dr. Jonas Astrin sieht in den etwa 35.000 DNA-Proben der Schubart-Sammlung einen wertvollen Zuwachs für die LIB-Biobank.

Archiv auf Eis

Als einer der Ersten setzte Schubart molekulare Methoden zur Erforschung von Krebstieren ein. Etwa 35.000 DNA-Proben sammelte er weltweit, die an der Universität Regensburg lagerten. Seit zwei Jahren sind sie bei minus 190 Grad in Flüssigstickstofftanks der Biobank des LIB in Bonn untergebracht. „Dass wir eine so umfassende Sammlung von einer Einzelperson erhalten, ist extrem selten. Das hat unseren Crustacea-Anteil sehr stark erhöht“, sagt der Biobank-Kurator Dr. Jonas Astrin.
Er transportierte die Proben im Februar 2024 in Kühlboxen von Regensburg nach Bonn. Ein Jahr lang integrierten er und seine Kollegin Laura von der Mark die DNA-Proben mithilfe eines Roboters, der Probenröhrchen auf- und zuschraubte, in die Biobank. Von der Mark verteilte Barcodes und pflegte Informationen Wissenschaftin die Datenbank ein. Astrin sagt: „Mit dem Material können Sequenzierungen von Gesamtgenomen erstellt werden. Es ist schön zu sehen, dass Christophs wissenschaftliches Erbe weiterlebt.“ Schubart sammelte laut Astrin sehr breit. „In den Proben finden sich auch viele aquatische Insektenlarven wie Libellen oder Steinfliegen, die er oft in studentischen Projekten einsetzte. Er war ein unglaublich gründlicher und auch leidenschaftlicher Sammler. Und diese Leidenschaft – auch für die biologische Systematik und das Leben insgesamt – war enorm ansteckend.“

Das kann Jose A. Cuesta bestätigen. Wenn Schubart fand, wonach er suchte, freute er sich wie ein Kind. „Mit unserem Kapitän Tino fuhren wir damals im Boot über die Flüsse des Tortuguero Nationalparks, da Christoph dort ein Exemplar der Sesarma crassipes vermutete, das er für seine Dissertation brauchte, die später im Wissenschaftsmagazin „Nature“ publiziert wurde. Als wir fast schon umkehren wollten, kroch eine Krabbe aus einem Baumstamm hervor und ich sagte: ‚Willst du nicht die hier nehmen?‘ Wie ein Torwart warf er sich mit beiden Händen auf das Tier. Als er sah, was er in Händen hielt, schrie er vor Freude“, erzählt Cuesta.
Neben der beruflichen Zusammenarbeit fehlt ihm der private Austausch mit Schubart sehr. „Nach getaner Arbeit redeten wir viel, auch über das Weltgeschehen. Wir teilten dieselben Werte. Für uns gab es keine Grenzen, denn Tiere sind nicht etwa spanisch oder deutsch. Sie leben auf einem Kontinent und sind in Bewegung. Natur kennt keine Nationalitäten“, so Cuesta. Schubart beherrschte viele Sprachen und glaubte an das Gute im Menschen. „Vielleicht ging er deshalb so offen und unerschrocken durchs Leben“, sagt Cuesta. Ob sie gemeinsam durch das gefährliche Dschungelgebiet Darién Gap oder später per Anhalter ins mexikanische Baja California reisten, an Schubarts Seite fühlte er sich sicher. Neun Tage vor seinem Tod sprachen die beiden über anstehende Projekte und über ihren Ruhestand. Cuesta: „Ich gehe in sechs Jahren in Rente. Für Christoph war das undenkbar. Er wollte noch so viele Projekte erledigen. Ich wünsche mir sehr, dass die Sammlung genutzt wird und andere seine Arbeit fortsetzen.“

Für Forscherin Dr. Nancy Mercado Salas stecken die Sammlungsobjekte voller Geschichten.

Lebendiges Erbe

Schon jetzt bedienen Jonas Astrin und das Biobank-Team sowie Nancy Mercado Salas und Detlef Thofern Anfragen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus aller Welt. „Es wird bereits mit der Sammlung gearbeitet“, sagt Mercado Salas. „Sobald das Rehousing aller Krebstiere am LIB Hamburg abgeschlossen ist, werden die Metadaten der physischen Exemplare mit den Daten der DNA-Proben in der Biobank verknüpft und stehen online im LIB-Katalog zur Verfügung.“ Bis 2028 soll die Integration der Sammlung abgeschlossen sein.
An seinen Bürotagen schaut Detlef Thofern regelmäßig in der Crustacea-Sammlung nach dem Rechten, prüft die Ethanolstände in den Feuchtpräparaten und kümmert sich um Tiere, die noch auf ihren Einzug warten. Thofern, der den Prozess von Anfang an begleitete, sagt: „Ich will, dass meine ‚Kinder‘ hier in der Sammlung ordentlich versorgt sind, dass wir ihnen ein gutes Zuhause bieten und sie in einer guten Verfassung raus in die Welt gehen.“ Für ihn und Mercado Salas ist ihre Arbeit auch eine Hommage an jedes einzelne Tier und an den Menschen, der um die ganze Welt reiste, um sie zu sammeln. Die Schubart-Sammlung soll ein lebendiges Erbe werden, das auch nachfolgende Forschendengenerationen nutzen. Thofern sagt: „Das hier ist für die Zukunft.“

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