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Global forschen, lokal wirken

In Ecuador und Madagaskar arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des LIB zusammen mit Forschenden vor Ort daran, die biologische Vielfalt zu verstehen und zu erhalten: Das tun sie in Projekten, die bedrohte Arten schützen und Menschen vor Ort ausbilden, auf Studierendenexkursionen, bei denen Wissen geteilt und gemeinsam geforscht wird und in einem Wissenschaftszentrum, das Forschungskapazitäten schafft. Ein Blick auf drei Kooperationen an den größten Biodiversitäts-Hotspots der Welt.

Rund fünf Autostunden von der ecuadorianischen Hauptstadt Quito entfernt, beginnt am Rande des Illinizas-Tals in der Region Chocó der Garten der Träume. Der geschützte niedrige, immergrüne Wald Jardin de los Sueños bietet zahlreichen Tieren wie etwa der Ecuador-Stacheltaschenmaus ein Zuhause. Sie kommt nur in der Region vor und ist vom Aussterben bedroht. „An Orten wie diesem wird schnell klar, warum Ecuador zu den wichtigsten Biodiversitäts-Hotspots der Welt gehört“, sagt Dr. David Salazar, Biologe und Direktor des Ecuadorian-German Integrative Biodiversity Research Centers (EGiB) in Quito.
Um die Biodiversität Ecuadors besser zu erforschen und zu schützen, entsteht seit Februar 2025 das von der deutschen Bundesregierung geförderte Wissenschaftszentrum EGiB. Das LIB und die Pontificia Universidad Católica del Ecuador (PUCE), deren Zoologisches Museum (QCAZ) und das CISeAL-Zentrum für Gesundheitsforschung arbeiten in Lateinamerika an dieser Forschungsbasis zusammen. „Wir wollen langfristige Partnerschaften zwischen deutschen und ecuadorianischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern diverser Disziplinen sowie mit Partnerinstitutionen etablieren und eine Infrastruktur schaffen, die Biodiversitätsforschung in Ecuador erleichtert“, so Salazar. Derzeit werden in den Räumlichkeiten der PUCE zwei Labore eingerichtet, in denen Forschende etwa DNA-Analysen durchführen oder gesammelte Proben morphologisch untersuchen können. Schon jetzt unterstützt das EGiB Forschende beim Einholen von Sammlungserlaubnissen.


Unentdeckte Artenvielfalt

Von Beginn an verantwortet die Biologin Nadine Dupérré den Aufbau des EGiB am LIB als Ko-Projektleiterin zusammen mit ihrem LIB-Kollegen und Sektionsleiter für Weichtiere, Prof. Dr. Bernhard Hausdorf. Sie sagt: „Der Jardín de los Sueños ist eines von mehreren bedrohten Ökosystemen. Wir besuchten es bei der ersten Expedition des EGiB.“ Zwei Wochen lang waren Dupérré und Salazar im August 2025 mit zehn ecuadorianischen und deutschen Forschenden in den Regionen Chocó und Amazonas unterwegs. Im Sommer kommen vier ecuadorianische Forschende zu einem fachlichen Austausch ans LIB nach Hamburg.
Dupérré forscht seit 20 Jahren zu Spinnen sowie Spinnengift in Ecuador und kennt das Land gut. Salazar ist gebürtiger Ecuadorianer und Spezialist für Schlangen und Schlangengift. „Es war sehr bereichernd, Artenvielfalt aus diversen Blickwinkeln zu betrachten und multiperspektivisch über Forschungsfragen nachzudenken“, so Salazar. Zum Expeditionsteam gehörten Fachleute für Pflanzen, Frösche, Krebstiere, Schlangen, Spinnen und Weichtiere wie Schnecken.
Das EGiB will Forschende unterschiedlicher Disziplinen zusammenbringen, die gemeinsam mit verschiedenen Technologien den Biodiversitätswandel analysieren. Auch den Forschungsnachwuchs hat das EGiB im Blick und bietet Kurse für ecuadorianische Studierende an. 2025 vermittelte Dupérré zehn Tage lang taxonomisches Wissen sowie morphologische Arbeitsmethoden.
Ein Großteil der Organismen des Biodiversitäts-Hotspots Ecuador ist noch unbekannt. Dupérré: „Uns fehlt grundlegendes Wissen. Viele Arten, die wir finden, wurden zuvor noch nicht beschrieben und wir wissen nichts über ihre Verbreitung. Deshalb ist es so wichtig Grundlagenforschung zu betreiben.“

Ecuadors große Biodiversität ist stark bedroht.

Spuren kolonialer Praxis

Die Ursachen dafür sind vielfältig. Zum einen ist Ecuador enorm reich an Biodiversität, zum anderen gibt es laut Salazar kaum öffentliche Fördergelder. „Hinzu kommt, dass einheimische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Biodiversität Ecuadors erst seit etwa den 1970er Jahren erforschen. Früher waren es vor allem Ausländer, die hier in kolonialer Praxis sammelten und weder Wissen noch Material teilten“, so Salazar. Erst seit das Nagoya-Protokoll, ein internationales Umweltabkommen, 2014 in Kraft getreten ist, gibt es klare Regeln. Dupérré sagt: „Wer als Ausländer in Ecuador sammeln will, braucht eine Erlaubnis und muss eine Kooperationsvereinbarung mit einer Institution vor Ort abschließen, die über Nutzung und Verbleib der Proben entscheidet.“
Trotzdem gibt es laut Salazar große Probleme mit illegalem Handel und nach wie vor auch mit ausländischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. „Noch immer kommen Menschen hierher, die ihr Wissen nicht teilen oder sich in ethischer und professioneller Hinsicht nicht fair verhalten. Das ist mir selbst passiert“, so Salazar. Im EGiB nimmt er einen respektvollen und aufgeklärten Umgang wahr. „Uns allen geht es um Wissenschaft auf Augenhöhe und darum, langfristige Forschungskapazitäten in Ecuador aufzubauen.“


Abgeholzte Zukunft

Für Dupérré ist jede Rückkehr nach Ecuador mit einem Gefühl von Verlust verbunden. „Wir finden immer wieder neue Orte, an denen Wald verschwunden ist.“ Salazar sagt: „Die Abholzung unserer Wälder ist die größte Bedrohung der Biodiversität. Sie bedeutet Habitatverlust und Artensterben. Besonders sorge ich mich um die Wälder in der Region Chocó und um die Waldgebiete in den ecuadorianischen Anden, da dort die meisten endemischen Arten leben.“
Eine der Hauptursachen für die Abholzung seien neben der Flächennutzung für Viehzucht heutzutage der illegale Rohstoffabbau durch Drogenkartelle, die ganze Regionen beherrschen. Für Salazar eine belastende Realität, die seine Arbeit betrifft. „Wir Biologen meiden bestimmte Gegenden, weil es dort inzwischen zu gefährlich ist. Bei der Wahl unserer Forschungsthemen wägen wir sorgfältig ab, ob die Arbeitsbedingungen im Feld sicher sind.“
Salazar hofft sehr, dass sich die Situation im Land eines Tages bessert. Denkt er 50 Jahre in die Zukunft, sieht er nur einige der zu Schutzgebieten erklärten Wälder überleben – wie etwa der bekannte Nebelwald Mindo, eines der artenreichsten und gleichzeitig gefährdetesten Landökosysteme der Erde.
Die Situation in Ecuador war für Salazar ein Grund, 2016 zurückzukehren. Er sagt: „Ich habe in den USA promoviert und später in Brasilien gearbeitet. Angesichts der herausfordernden Lage in meiner Heimat braucht es jedoch Menschen vor Ort, die für den Erhalt der Biodiversität kämpfen und weiterforschen. Dazu will ich beitragen.“ David Salazar und Nadine Dupérré hoffen, dass sich ihnen viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler anschließen. Mit ihrer Forschung am EGiB können sie dazu beitragen, die Vielfalt eines der artenreichsten Länder der Welt zu schützen.

Einfach gesprochen:
Nagoya-Protokoll

Das Nagoya-Protokoll ist ein Zusatzabkommen zur Umsetzung der Ziele der UN-Konvention über die biologische Vielfalt (CBD). Es legt Anforderungen für den gerechten Zugang zur Biodiversität in Herkunftsländern, die Nutzung genetischer Ressourcen und einen gerechten Vorteilsausgleich fest.

Internationale Zusammenarbeit in Ecuador

Ecuador

Ausbildung und Naturschutz

Tief in den Tropen Ecuadors verbinden die LIB-Forschenden Dr. Claudia Koch, Dr. Ximo Mengual und Präparatorin Ricarda Wistuba Forschung und Ausbildung mit Naturschutz. Seit 2019 organisieren sie jährlich eine zweiwöchige Exkursion durch Nebel- und Tieflandregenwälder für Biologie-Studierende der Universität Bonn, die sie gemeinsam mit ecuadorianischen Kolleginnen und Kollegen des Nationalen Instituts für Biodiversität (INABIO) in Quito durchführen. Im Feld bestimmen Studierende etwa Insekten, Reptilien, Amphibien und Säugetiere. Insektenforscher und Sektionsleiter Mengual vermittelt Fangmethoden von wirbellosen Tieren, während die Biologin Wistuba die Präparation von Kleinsäugern lehrt. Die Exkursionsinhalte werden künftig auch ecuadorianischen Forschenden in Workshops vermittelt. „Aus der Kooperation sind vertrauensvolle Forschungskollaborationen entstanden. Da vor Ort entsprechende Geräte fehlen, analysieren wir regelmäßig Proben der Forschenden aus Ecuador am CT-Scanner in Bonn“, so die Herpetologin und Sektionsleiterin Koch. Neue Arten beschreiben die Forschenden gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen vom INABIO. Bereits 26 gemeinsame Publikationen und 35 neue Artbeschreibungen wurden veröffentlicht. Wistuba betont: „So trägt internationale Kooperation zum Schutz der Biodiversität bei.“

Gemeinsame Forschung in Madagaskar

Madagaskar

Verbündete beim Schutz der Biodiversität

Wenn es an der Feldstation Kirindy im westmadagassischen Trockenwald Nacht wird, kann Dr. Livia Schäffler mit einem Teil ihrer Forschungsarbeit beginnen. Seit über 20 Jahren forscht die LIB-Wissenschaftlerin an dem nachtaktiven Lemuren Madame Berthes Mausmaki. Diese lokalendemische Art ist der kleinste Primat der Welt und gehört weltweit zu den 25 am stärksten bedrohten Primaten. „Im Rahmen einer langfristigen Kooperation mit dem Deutschen Primatenzentrum untersuchen wir, wie sich die Populationen der Lemuren und deren Waldhabitat entwickeln“, sagt Livia Schäffler. Vor Ort bildet sie die lokale Bevölkerung aus und stellt sie im Rahmen ihrer Forschungsprojekte ein. „Sie sind unsere besten Verbündeten beim Schutz der Biodiversität“, so Schäffler. Um die Artenvielfalt ganzheitlich zu erfassen und zu schützen, untersuchen LIB-Forschende in der Region mit molekularen und technologischen Verfahren nun auch Insekten sowie agrarökologische Aspekte. Schäffler: „Wir möchten den Biodiversitätswandel umfassender erforschen und Lösungen für eine Landnutzung entwickeln, die sowohl die Natur als auch die Menschen in der Region unterstützt.“

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