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Natürliche Vielfalt

Gleichgeschlechtliche Pinguin-Eltern, dominante Clownfisch-Weibchen und eine Schnecke, die zwei Geschlechter besitzt: Ein offener Blick in die Natur zeigt, dass Vielfalt die Norm ist. Wie Darwins traditionelle Weltsicht die Biologie dennoch bis heute prägt und warum queere Perspektiven die Biodiversitätsforschung bereichern.

Die Bananenschnecke Ariolimax dolichophallus ist seit mehr als drei Jahrzehnten ein Star. In Quentin Tarantinos Film „Pulp Fiction“ hatte sie 1994 einen Gastauftritt. Damals trug der Hauptdarsteller John Travolta ein T-Shirt der kalifornischen Hochschule UC Santa Cruz, auf dem die leuchtend gelbe Schnecke zu sehen ist. Seit 1986 ist die Bananenschnecke das Maskottchen der Universität von Kalifornien, deren Campus mitten in ihrem Lebensraum, dem Redwood Forest, liegt. Auch für die Verhaltensökologin Prof. Dr. Mariella Herberstein ist die Ariolimax ein prominentes Tier. „Wie vielfältig Natur sein kann, zeigt diese Schnecke besonders gut. Sie besitzt sowohl weibliche als auch männliche Fortpflanzungsorgane, kann sich so gleichgeschlechtlich paaren“, sagt Mariella Herberstein, stellvertretende Generaldirektorin am LIB. „Biodiversität umfasst mehr als die Vielfalt der Arten. Es ist wichtig, dass Forschende ihren Blick für alle Dimensionen von Vielfalt öffnen. Nur so können wir Biodiversität in ihrer Gesamtheit begreifen“, so Herberstein.


Vielfalt als Norm

In der Natur ist Vielfalt in Bezug auf Geschlecht, Fortpflanzung und Sexualverhalten ein grundlegendes Merkmal biologischer Systeme und keine Ausnahme. Einige Pinguinarten gehen gleichgeschlechtliche, soziale Elternschaften ein. Bei Bonobos dient gleichgeschlechtlicher Sex der sozialen Bindung innerhalb einer Gruppe. Unter Seepferdchen tragen männliche Tiere ihre Nachkommen bis zur Geburt in einer Bruttasche am Bauch aus. Anemonenfische, auch Clownfische genannt, können im Laufe ihres Lebens das Geschlecht wechseln. Herberstein sagt: „Bei den Clownfischen lebt ein Weibchen mit mehreren Männchen in einer Gruppe von Anemonen zusammen, die es als größtes und dominierendes Tier anführt. Stirbt das Weibchen, übernimmt das stärkste Männchen die Führung und beginnt in einem mehr als einjährigen Prozess, ein Weibchen zu werden.“


Veraltete Rollenbilder

Erst seit zwei Jahrzehnten werden diese Beobachtungen in der Biologie ernst genommen und nicht als Ausnahme oder „unnatürlich“ kategorisiert. Zuvor hielt sich fast ein ganzes Jahrhundert das Weltbild des Naturforschers Charles Darwin, das er etwa in seinem 1871 veröffentlichten Werk „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“ transportierte. Herberstein sagt: „Darwin schrieb Weibchen und Männchen in der Tierwelt klare Geschlechterrollen zu. Männchen seien aktiv, dominant und polygam. Weibchen hingegen passiv, schüchtern und monogam.“ Ab den 70er-Jahren zeigte die Forschung des Evolutionsbiologen Prof. Dr. Geoff Parker, dass sich bei vielen Tierarten Weibchen gezielt mit mehreren Männchen paaren – etwa bei Bienenköniginnen, die sich auf sogenannten Hochzeitsflügen mit bis zu zwölf Drohnen paaren. In den 2000er-Jahren wies die Evolutionsbiologin Prof. Dr. Marlene Zuk auf Basis ihrer Forschung zum Paarungsverhalten von Insekten darauf hin, dass Vorstellungen über „männliches“ und „weibliches“ Verhalten in der Natur vor allem auf Annahmen zu menschlichen Geschlechterstereotypen beruhen.

„Nur wer offen in die Tierwelt schaut, kann lernen, Verhalten differenzierter wahrzunehmen.“

Prof. Dr. Mariella Herberstein

Wertfreie Sprache

Bis heute nimmt Herberstein, die zu Spinnen forscht, einen anthropozentrischen Blick auf Tiere wahr, der durch kulturelle Prägung oft unbewusst besteht. „Bei der ‚Schwarzen Witwe‘ wird das dominante Verhalten des Weibchens gern mit besonders blutrünstigen Worten umschrieben. Dabei kommt es oft gar nicht zu aggressiven Kämpfen.“ In ihren Publikationen bemüht sich Herberstein um eine möglichst neutrale Sprache. „Wörter wie ‚Harem‘ oder ‚Jungfrau‘ nutze ich nicht, da sie menschliche Begriffe auf die Tierwelt anwenden und Stereotype aufrechterhalten.“
Was Herberstein zudem wichtig ist: Bei einer Analyse von Lehrbüchern im englischsprachigen Raum stellte sie fest, dass sich darin oft nur vereinfachte Erklärungen von Geschlecht und Sexualverhalten finden. „Wenn eine nicht-binäre Person in so einer Vorlesung sitzt, fühlt sie sich ausgegrenzt und wird wahrscheinlich nicht lange in der Biologie bleiben.“ Herberstein wünscht sich mehr Diversität in der Forschung und in Museen. Sie sagt: „Queere Perspektiven können binäres Denken aufbrechen. Nur wer offen in die Tierwelt schaut, kann lernen, Verhalten differenzierter wahrzunehmen. Diversität ist immer bereichernd, wir müssen sie aber auch erkennen.“

Natürliche Vielfalt in LIB-Forschungsprojekten

Nützliche Entzündungen

Wie das Bauchbrüten bei Reisfischen der indonesischen Insel Sulawesi entstehen konnte, erforscht die LIB-Evolutionsbiologin Dr. Julia Schwarzer. Sie beschäftigt sich mit Entzündungen, die Gutes bewirken, und einem einzigartigen Gewebe, das Fortpflanzung nicht nur bei Reisfischen revolutioniert hat. Die Diversität sulawesischer Reisfische hat Julia Schwarzer, Evolutionsbiologin und Leiterin der Sektion Evolutionäre Genomik am LIB, schon immer fasziniert. „Einige Reisfische streifen ihre Eier nach dem Laichen ab, andere tragen die Eier verbunden über fadenartige Filamente, verankert durch ein einzigartiges Gewebe so lange am Bauch, bis sie schlüpfen.“ Der sogenannte „Plug“ bildet sich nach dem Laichen, wird durchblutet und löst sich erst nach dem Schlupf wieder. Wie er entsteht, untersuchten Schwarzer und ihr Team anhand anatomischer und genetischer Analysen in den zwei Reisfischlinien Oryzias und Adrianichthys. Sie entdeckten, dass Zellen und Signalwege am Aufbau des Gewebes beteiligt waren, die eigentlich Entzündungsreaktionen kontrollieren. „Dass Entzündungen auch große Innovationskraft besitzen, ist eine wichtige Erkenntnis“, so Schwarzer. Was sich zudem zeigte: „Es besteht eine Ähnlichkeit zwischen der Ausbildung des Reisfischplugs und der Säugetierplazenta. Bestimmte Gene werden bei beiden aktiviert. Eine entzündliche Immunantwort spielt sowohl in der Evolution der Reisfische als auch des Menschen eine Schlüsselrolle.“ Nun will sie mit ihrer Gruppe weiterforschen und die Entstehung des „Plugs“ auf Einzelzellebene verstehen.

Vielfältige Rekordhalter

Afrikanische Buntbarsche weisen eine große Vielfalt von Geschlechtschromosomen auf und sind rasante Anpassungskünstler. Eine Art kann sich sogar selbst befruchten. Schon seit über 15 Jahren befasst sich die Evolutionsbiologin und Leiterin der Sektion Vergleichende Genomik am LIB, Dr. Astrid Böhne, mit Buntbarschen und Geschlechtschromosomen. Zusammen mit einem Kollegen, der einen Buntbarsch der Gattung Benitochromis aus Kamerun mitbrachte, machte sie eine Entdeckung. „Obwohl er allein im Aquarium lebte, pflanzte er sich fort.“ Nachdem eine Paarung mit einem anderen Fisch ausgeschlossen werden konnte, fertigte sie eine Gesamtgenomsequenzierung an und fand heraus, dass sich der Fisch selbst befruchtete. In weiteren Projekten erforschte sie die Evolution von Geschlechtschromosomen afrikanischer Buntbarsche vor allem im Tanganjikasee. In einer Analyse des gesamten Erbguts sowie aktiver Gene von 240 Arten auf Unterschiede zwischen Weibchen und Männchen, stellten Böhne und ihr Team eine große Vielfalt von Geschlechtschromosomen in über 70 Arten fest. Diese änderten sich in der Evolution der Fische extrem häufig. Böhne: „Diese Buntbarsche sind ein Musterbeispiel für die schnelle Entstehung einer Vielzahl neuer Arten. Aktuell halten sie den Rekord an Geschlechtschromosomenwechseln bei Wirbeltieren.“ Welchen genauen Einfluss Geschlechtschromosomen auf die Artenbildung haben, wird weiter erforscht.

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