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Was uns der Ozean erzählt

Lautlose Jäger, winzige Krebstiere und genetische Frühwarnsysteme: Drei Forscherinnen am LIB kämpfen für mehr Biodiversität in unseren Meeren und zeigen, warum das auch für unser Leben an Land entscheidend ist.

Nachts, wenn andere schlafen, schwimmt Eva Meyers mit Unterwasserlampe und Handnetz durch das pechschwarze Wasser vor der Playa de Las Teresitas auf Teneriffa. Immer wieder leuchten im Lichtkegel ihrer Lampe zwei Augen auf. Meyers und ihr Team sind auf der Suche nach einem der am stärksten bedrohten Meerestiere weltweit: dem Engelhai.
Mit ihrem flachen Körper und den weit ausgebreiteten Brustflossen ähneln Engelhaie eher Rochen als Haien. Es gibt sie seit 150 Millionen Jahren. Noch bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein lebten sie im gesamten Nordatlantik und im Mittelmeer. Inzwischen sind sie fast verschwunden. Heute gibt es nur an wenigen Orten im Mittelmeer oder rund um die Kanarischen Inseln noch nennenswerte Bestände.
Dreimal im Jahr ist Meyers nachts mit ihrem Team unterwegs, um die knapp 30 Zentimeter großen Jungtiere bei San Andrés auf Teneriffa zu messen, zu wiegen und zu markieren. Erwachsene Tiere bekommen farbige Tags. So lässt sich nachvollziehen, ob sie ortstreu sind oder zwischen den Inseln wandern.
„Der Ozean ist voll von Underdogs“, sagt Meyers. Von Arten, die kaum jemand kennt, obwohl sie für das Gleichgewicht der Meere entscheidend sind. Engelhaie sind solche Underdogs. Lautlose Lauerjäger, tagsüber im Sand vergraben, nachts auf Beutezug. Noch vor zehn Jahren, sagt Meyers, habe kaum jemand von ihnen gehört. Sie selbst war von den Tieren sofort fasziniert.

Der Engelhai ist weltweit eines der am stärksten bedrohten Meerestiere.

„Der Ozean ist voll von Underdogs.“

Eva Meyers

Shark Project, einer internationalen Kooperation zwischen dem LIB, der Zoological Society of London und der Universität Las Palmas de Gran Canaria. 2013 startete es als Citizen-Science-Initiative mit dem Ziel, Sichtungen zu dokumentieren und effektive Schutzmaßnahmen zu entwickeln. Weil lokale Behörden wie die Regionalregierung der Kanarischen Inseln oder das spanische Umweltministerium keine Daten hatten, wurden Hobbytaucherinnen und -taucher zu Forschungspartnern.
Besonders wichtig war Meyers die Suche nach sogenannten Kinderstuben – den Aufzuchtgebieten der Engelhaie. Die sind entscheidend für den Schutz und das langfristige Überleben der Art. Inzwischen ist klar: Der durch Wellenbrecher geschützte, künstlich angelegte Strand von Las Teresitas ist eine der wichtigsten Kinderstuben der Kanaren.
Mithilfe von Akustik-Telemetrie – kleinen Sendern, die die Bewegungen der Tiere erfassen – rekonstruieren Meyers und ihr Team Wanderverhalten und Lebensräume. Genanalysen zeigen, wie stark einzelne Populationen voneinander isoliert sind. Es gibt mindestens drei genetisch voneinander getrennte Inselpopulationen. „Wir müssen unsere Schutzmaßnahmen also lokal anpassen. Was für eine Gruppe gilt, lässt sich nicht einfach auf die anderen übertragen.“
Statt auf Verbote setzt das Projekt auf Dialog. Die Fischerei, in anderen Regionen oft Hauptkonfliktpunkt, wirkt sich auf den Kanaren offenbar nur begrenzt negativ aus. „Wir wollten nie als Meeresschutzpolizei auftreten, sondern von Anfang an zuhören, erklären und zusammenarbeiten“, sagt Meyers. Genau diese Zusammenarbeit ist für Meyers der Schlüssel. Das Artensterben, die Klimakrise – solche Probleme sind zu komplex für einfache Lösungen. Effektiver Schutz gelingt nur gemeinsam.
Heute ist das Angel Shark Project weit mehr als ein lokales Artenschutzprojekt. Die Kanaren sind zu einem natürlichen Labor geworden. Hier lässt sich fast in Echtzeit beobachten, ob Schutzmaßnahmen greifen oder nicht. Ihr Wissen tragen Meyers und ihr Team inzwischen nach Irland, Korsika, Wales, Kroatien, Libyen und Griechenland.
Was Eva Meyers am Engelhai zeigt, gilt auch für die Forschung von Dr. Nancy Mercado Salas: Viele Schätze unserer Ozeane leben im Verborgenen. Oft muss man genau hinsehen.

Dr. Nancy Mercado Salas erforscht Ruderfußkrebse auch in der Tiefsee.

Leben in der Tiefsee

Mercado Salas beschäftigt sich mit Tieren, die kleiner als ein Sandkorn sind: Ruderfußkrebse, auch Copepoden genannt. „Wenn wir im Meer schwimmen, sind sie überall um uns herum – wir sehen sie nur nicht“, sagt Mercado Salas. Doch ohne sie wäre das Wasser bald leer. Ruderfußkrebse sind das verbindende Glied im marinen Nahrungsnetz. Sie fressen Algen und werden selbst von Fischlarven, Quallen, Krebsen und Walen gefressen. Ohne sie käme der Energietransfer von pflanzlicher zu tierischer Nahrung zum Erliegen. Sie verwandeln Sonnenlicht in Fischprotein. „Rund 70 Prozent des Fischproteins, das wir essen, hängen direkt oder indirekt von Copepoden ab“, erklärt Mercado Salas. Kein anderes Tier erzeugt mehr Biomasse. Keine Artengruppe kommt häufiger vor. Das Rückgrat des Ozeans ist mikroskopisch klein.

Mercado Salas hat den Winzlingen bislang auf drei Kontinenten nachgespürt. In ihrem Heimatland Mexiko sammelte sie die ersten Süßwasserarten. Später forschte sie in den Regenwäldern Südamerikas. Seit 2014 arbeitet sie in Deutschland und untersucht unter anderem Tiefseearten in der Clarion-Clipperton-Zone im Nordostpazifik. In einem nur 300 x 300 Meter großen Areal fanden sie und ihre Kolleginnen und Kollegen über 500 Copepoden-Arten. Die meisten davon sind wissenschaftlich gar nicht beschrieben.
Doch genau dort, in etwa 5.000 Metern Tiefe, droht eine neue Gefahr: der Tiefseebergbau. „Die meisten Lebewesen der Tiefsee leben in den obersten drei Zentimetern des Sediments“, erklärt sie. „Wird diese Schicht durch Bohrungen oder Unterwasserfahrzeuge aufgewühlt, verschwindet dort alles Leben. Die Folgen können wir bislang kaum erahnen.“

Ruderfußkrebse sind extrem vielfältig.

„Wenn wir im Meer schwimmen, sind sie überall um uns
herum – wir sehen sie nur nicht.“

Dr. Nancy Mercado Salas

Aber nicht nur die Tiefsee birgt Geheimnisse. Ruderfußkrebse leben fast überall. Im Salzwasser, in Süßwasserquellen, sogar in isolierten Höhlen. Besonders faszinierend findet Mercado Salas Arten, die in wassergefüllten Bromelien leben: trichterförmigen tropischen Pflanzen. „Ruderfußkrebse können nicht fliegen und brauchen ständig Feuchtigkeit“, sagt Mercado Salas. „Wie sie von Pflanze zu Pflanze gelangen, ist bis heute ein Rätsel.“
Wenn Mercado Salas nicht auf Expedition ist, arbeitet sie am Museum der Natur Hamburg des LIB. Als Kuratorin leitet sie dort die Sektion für Krebstiere. Ihr Arbeitsplatz beherbergt eine der bedeutendsten Sammlungen mariner Kleinstlebewesen weltweit: rund eine SalasMillion Tiere und 7.200 beschriebene Arten. „Das sind knapp 15 Prozent aller bekannten Krebstierarten weltweit“, sagt sie stolz.
Viele dieser Arten lassen sich heute nicht mehr sammeln, weil ihre Lebensräume zerstört oder unzugänglich sind. Sammlungen wie die in Hamburg sind oft der einzige Zugang zur Vergangenheit. Mercado Salas und ihr Team digitalisieren Proben, erfassen Metadaten und erstellen Fotografien. So können auch Forschende in Madagaskar oder Südamerika auf die Sammlung in der Hansestadt zugreifen.
Das ist wichtig, weil die Vergangenheit auch von der Zukunft erzählt. Alte Proben zeigen, wie sich Biodiversität über Jahrzehnte verändert hat.
Die Ozeane liefern Nahrung für Milliarden Menschen, bremsen die Erderwärmung und schützen Küsten vor Stürmen. Korallenriffe, Seegraswiesen und Mangroven sind Lebensräume und wichtige Puffer gegen die Klimakrise. Sie speichern Kohlenstoff, filtern Wasser und dämpfen Sturmfluten. Selbst Medikamente stammen oft von Meeresorganismen. Doch mit jeder verlorenen Art stirbt ein Teil dieser Schutzfunktion. Auch für uns.

Frühwarnsystem für Korallen

Biodiversität lässt sich nicht nur im Rückblick verstehen. Wer schützen will, muss auch vorausschauen können. Genau daran forscht Dr. Sarah Lemer.
Im genetischen Code von Korallen sucht sie nach Warnsignalen, lange bevor ein Riff seine Farbe verliert. Am LIB leitet sie das Molekularlabor in Hamburg. Ihr Ziel: ein molekulares Frühwarnsystem für Riffgesundheit.
Lemer wurde in Frankreich geboren und wuchs in Indonesien und der Karibik auf. Das Meer war allgegenwärtig. Ebenso ihre Neugier. Warum ist das Wasser salzig? Und weshalb eigentlich blau? Als sie erfuhr, dass man solche Fragen beruflich erforschen kann, stand für sie fest: Ich möchte Wissenschaftlerin werden.
Während ihres Masterstudiums sah sie beim Schnorcheln erstmals ein zerstörtes Riff. „In diesem Moment wurde mir klar, dass die Korallenbleiche und der Klimawandel real sind.“ Ursprünglich wollte sie nie mit Korallen arbeiten. Das Feld sei schon zu überlaufen gewesen. Stattdessen interessierte sie sich für die kleinen Arten, die weniger im Fokus stehen. Doch das Riff ließ sie nicht los.

Dr. Sarah Lemer sucht im genetischen Code von Korallen nach Warnsignalen.

„Genetische Vielfalt
bedeutet Resilienz.“

Dr. Sarah Lemer

Korallenriffe sind Hotspots der Biodiversität. Und äußerst empfindlich. Sie brauchen Licht und Wärme, aber nicht zu viel. Schon kleine Temperaturanstiege können Bleiche oder Krankheiten auslösen. Seit 20 Jahren untersucht Lemer, wie genetisch vielfältig Riffe und ihre Bewohner sind und was das für deren Widerstandskraft bedeutet. Vor einigen Inseln des Marianen-Archipels in Mikronesien fand sie Riffe mit nahezu identischem Erbgut. „Einerseits positiv, denn diese Genotypen haben mehrere Hitzewellen überstanden. Aber sie sind anfällig für neue Bedrohungen.“ Wenn alle Korallen gleich reagieren, kann eine Krankheit ein ganzes Riff vernichten.
Genetische Vielfalt bedeutet Resilienz. Und dafür brauchen wir so viel wie möglich“, sagt Lemer. Doch Evolution benötigt Zeit. Und die wird knapp. Um frühzeitig reagieren zu können, entwickeln Lemer und ihr Team ein molekulares Frühwarnsystem. Es analysiert, wie bestimmte Gene auf Umweltstress reagieren, noch ehe die ersten sichtbaren Symptome in den Korallen auftreten. „Bislang konnten wir gut ein halbes Dutzend Gene identifizieren, die bereits Wochen vorher reagieren.“
Noch braucht es dafür Gewebeproben, ein Stück Koralle also. Doch das Team arbeitet an einer sanfteren Methode: ein Abstrich, ähnlich einem Wangenabstrich beim Menschen. Das Tier wird dabei nicht verletzt, der Stress aber ist messbar.
Am LIB entwickelt Lemer auch Methoden, um genetisches Material aus alten Sammlungen zu extrahieren: „Wenn wir verstehen, wie Arten früher auf Umweltveränderungen reagiert haben, können wir besser vorhersagen, was ihnen heute fehlt und morgen helfen könnte.“
Die Arbeit von Eva Meyers, Nancy Mercado Salas und Sarah Lemer zeigt, wie vielschichtig der Schutz der marinen Biodiversität ist. Eines wird dabei ganz besonders deutlich: Sie verbinden altes Wissen mit modernen Technologien. So wollen sie das Unsichtbare sichtbar machen, bevor es verschwindet.

Einfach gesprochen:
Genetische Vielfalt

Die genetische Vielfalt ermöglicht es Arten, sich an veränderte Umweltbedingungen anzupassen und langfristig zu überleben. Je größer die genetische Vielfalt ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit dass einzelne Individuen über resilienzfördernde Gene verfügen.

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