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Wissen in Bewegung

Vor 340 Jahren kam ein Narwal nach Hamburg – und mit ihm eine Geschichte, die wir lange für abgeschlossen hielten. Doch manchmal genügt eine neue Methode, ein neuer Blick, um ein altes Gewissheitspuzzle neu zu legen. Dann zeigt sich: Wissen ist selten ein letztes Wort.

Neulich stand ich wieder vor unserem zweizahnigen Narwal. Seit ich am Museum der Natur Hamburg arbeite, schaue ich ihn oft an. Ein Tier, das längst nicht mehr als Tier unter uns ist, sondern als Geschichte, konserviert, katalogisiert, betitelt: „Mona Lisa“, das vermeintlich einzige zweizahnige Narwal-Weibchen der Welt. Eine Geschichte, die über Jahrhunderte Bestand hatte. Und dann kommt die Genomik und flüstert: Er ist ein Männchen.

Wir Menschen lieben eindeutige Geschichten. Museen auch. Ein Exponat, das über Jahrhunderte eine Erzählung trägt, wird fast selbst zu einer Wahrheit. Und doch zeigt uns gerade dieses Tier, wie fragil Wissen sein kann. Seit Kurzem leite ich am LIB das Zentrum für Wissenstransfer – als Wissenschaftssoziologin, also jemand, die sich oft mit der Unsicherheit und Vorläufigkeit von Wissen befasst. Was mich an diesem Fall fasziniert, ist weniger die Korrektur des Geschlechts. Es ist der stille Hinweis, der dahinter liegt: dass Wissenschaft ein permanentes Gespräch ist. Ein Gespräch zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Dokumenten, Knochen, Methoden – und auch zwischen Irrtum und Erkenntnis. Dass wir Dinge sammeln, archivieren, bewahren, nicht weil wir dann alles wissen, sondern weil wir immer neue Fragen stellen können.

Manchmal stelle ich mir vor, wie der Narwal-Sammler von 1684 wohl reagiert hätte, hätte man ihm unsere heutigen Methoden erklärt. DNA-Analysen. Isotope. Die Möglichkeit, Jahrhunderte später noch eine ökologische Spur zu lesen. Vielleicht hätte er gestaunt. Vielleicht hätte er an Zauberei gedacht. Vielleicht hätte er einfach die Schultern gezuckt und gesagt: So ist das mit dem Wissen – es wächst, es schrumpft, es verändert sich.

Gerade im Anthropozän, in dem so viele Entscheidungen an wissenschaftlichem Wissen hängen, scheint mir diese Haltung zentral: nicht das starre Festhalten, sondern das bewegliche Nachdenken. Das Eingeständnis, dass Erkenntnis immer vorläufig ist. Unser Narwal zeigt, dass wir Irrtümer nicht fürchten müssen. Dass Korrekturen kein Scheitern sind, sondern ein Zeichen dafür, dass wir hinschauen. Nachfragen. Dinge wieder und wieder neu zusammensetzen. Und dass wir sie archivieren müssen für Zukünfte, in denen es wieder neuartige Methoden und neue Fragen gibt.

Vielleicht ist das die eigentliche Schönheit der „Mona Lisa“. Nicht ihr zweiter Zahn. Sondern die Erinnerung daran, dass Wissen ein Prozess bleibt. Ein lebendiger, manchmal irritierender, oft überraschender Prozess. Wenn wir das Museum abends verlassen, bleibt der Narwal zurück, still und unbewegt. Doch auf seine Weise erzählt er weiter. Und wir hören zu, so gut wir können.

 

Prof. Dr. Simone Rödder
Leitung Wissenstransfer LIB

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