Was hat ein Gesteinsbrocken aus dem All mit der Artenvielfalt auf der Erde zu tun? Eine ganze Menge, sagt Dr. Stefan Peters. Der Geologe erklärt, warum Meteoriten wie Zeitkapseln wirken und was sie uns über die Entstehung der Erde lehren.
LIB: Herr Peters, erinnern Sie sich an Ihren ersten Kontakt mit einem Meteoriten?
Dr. Stefan Peters: Das war während meines Masterstudiums in Amsterdam. In einer Vorlesung über extraterrestrische Geochemie hörte ich erstmals von Meteoriten und Planetengeschichte. Das hat mich sofort gepackt: die Idee, dass Naturgesetze, die man von der Erde kennt, auch auf andere, viel größere Systeme anwendbar sind. Später habe ich mich bei einer Arbeitsgruppe in Köln beworben und kurz darauf an Meteoriten geforscht. Diese Begeisterung ist bis heute geblieben. Meteoriten erlauben es uns, fundamentale Prozesse des Sonnensystems nachzuvollziehen. Für mich sind sie weit mehr als Gestein: Sie sind Zeitkapseln eines frühen Kosmos.
LIB: Was genau ist eigentlich ein Meteorit?
S. Peters: Ein Meteorit ist ein Gestein, das aus dem All stammt und auf der Erdoberfläche gefunden wird. Beim Eintritt in die Atmosphäre bildet sich durch das Aufschmelzen eine typische Schmelzkruste. Die meisten Meteoriten stammen aus dem Asteroidengürtel.
LIB: Viele Menschen verbinden Meteoriten mit Science-Fiction oder Weltuntergangsszenarien. Warum lohnt es sich, sie wissenschaftlich zu untersuchen?
S. Peters: Meteoriten sind buchstäblich die Bausteine der Planeten. Ihre Mineralogie und Chemie erzählen, wie sich Planeten gebildet, entwickelt und differenziert haben. Wir lernen, warum die Erde Wasser und Leben besitzt, andere Planeten aber nicht.
LIB: Warum sollten sich auch Laien für Meteoriten interessieren?
S. Peters: Weil sie uns zeigen, woher wir kommen. Alles Material, aus dem die Erde besteht – Gestein, Metalle, Wasser, organische Verbindungen –, geht auf diese frühen kosmischen Bausteine zurück. Wer ihre Geschichte kennt, versteht besser, wie einzigartig und schützenswert unsere Erde ist. Sogar Technologien für eine nachhaltige Zukunft basieren auf Materialien, die einst im Weltall entstanden sind: Unverzichtbare Magnetbestandteile in Windkraftanlagen und Elektromotoren wurden in Supernovae gebildet und sind in Meteoriten enthalten.
LIB: Was wissen wir heute über Meteoriten, das wir vor 20 Jahren nicht wussten?
S. Peters: Vor etwa zehn bis fünfzehn Jahren wurde klar, dass sich Meteoriten in zwei Gruppen einteilen lassen: solche aus dem inneren Sonnensystem, also bis zur Jupiterbahn, und solche aus dem Äußeren. Letztere sind häufig reich an Wasser und organischen Stoffen. Diese Erkenntnisse haben unser Bild der Frühphase des Sonnensystems grundlegend verändert.
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„Meteoriten sind buchstäblich die Bausteine der Planeten.“
Dr. Stefan Peters
LIB: Sie forschen unter anderem am Elmshorn-Meteoriten. Was macht ihn so besonders?
S. Peters: Zum einen seine Zusammensetzung: Er ist eine Brekzie, ein Mischgestein, das Fragmente verschiedener Asteroiden enthält und damit die Zerstörung eines Asteroiden durch die Kollision mit einem anderen dokumentiert. Zum anderen seine ungewöhnlich gut dokumentierte Fallgeschichte: Es gibt ein Video sowie Tonaufnahmen von seinem Einschlag am 25. April 2023. Das ist extrem selten und vor allem für Besuchende unserer Ausstellung beeindruckend. Sie begreifen, dass ein Stein, der mit 4,5 Milliarden Jahren älter ist als die Erde, plötzlich vor der eigenen Haustür landen kann. Das macht dieses Gefühl von Urzeit unmittelbar spürbar.
LIB: Meteoriten sind selten und teuer. Wie kommen Sie an Ihre Proben?
S. Peters: In meinem Fall ist das relativ einfach, da ich Zugang zur Museumssammlung habe. (Lacht.) Viele Museen sehen ihre Sammlungen als Ressource für Forschung und geben kleine Proben bereitwillig heraus. Es gibt Online-Datenbanken, in denen alle bekannten Meteoriten aufgeführt sind. Mit einer konkreten Forschungsidee kann man Museen gezielt anfragen. Auch bei der NASA funktioniert das so: Ich habe etwa mit Material einer Apollo-Mission gearbeitet – und die Proben kamen per Post.
LIB: Wie passt Meteoritenforschung zu einem Institut, das sich mit Biodiversitätswandel beschäftigt?
S. Peters: Leben verändert Gestein und Gestein verändert Leben. Wenn Gestein verwittert, gelangen Mineralien in Ozeane und Atmosphäre und prägen deren Chemie. Das beeinflusst, welche Organismen gedeihen. Umgekehrt verändert Leben die Geologie unseres Planeten. Diese Wechselwirkung formt die Biodiversität.
LIB: Hat sich Ihr Blick auf die Erde durch Ihre Forschung verändert?
S. Peters: Ja, vor allem mein Zeitverständnis. Ich denke heute in Zeiträumen von Millionen und Milliarden Jahren. Die Erde hat sich ständig verändert: Ozeane, Atmosphäre, Lebensformen. Und doch gelten die gleichen Naturgesetze. Dieser Blick relativiert unseren Alltag. Gleichzeitig zeigt er, wie empfindlich unsere Gegenwart ist. Man erkennt, wie eng Systeme wie Atmosphäre, Gestein, Wasser und Leben miteinander verbunden sind. Und wie weitreichend schon kleine Veränderungen dieser Systeme unsere Gegenwart beeinflussen können.